Bild: RPI Loccum

Haupt-, Real- und Oberschulen zeigen Überlastung an

12. November 2020

„Loccumer Erklärung“ als Forderungskatalog an Minister übergeben

Er wiegt schwer, der Aktenordner mit der Aufschrift „Loccumer Erklärung“, der auf dem Tisch im Religionspädagogischen Institut Loccum (RPI) liegt. Genau genommen 2,2 Milliarden Euro pro Jahr. Das hat Kultusminister Grant Hendrik Tonne in seinem Ministerium ausrechnen lassen. So viel würde es das Land kosten, wenn es alle Forderungen der Leiter von Haupt-, Real- und Oberschulen Niedersachsens erfüllte.

Sie wollen und sie leisten viel für ihre Schüler und Schülerinnen, oft können die Schulen aber ihrem eigenen Anspruch und dem, was das Ministerium von ihnen verlangt, nicht mehr gerecht werden.

Die Situationsanalyse und vor allem konkrete Handlungsschritte, wie die Situation in diesen Schulformen entscheidend verbessert werden kann, ist der Kern der „Loccumer Erklärung“, die Tonne vorgetragen und ihm anschließend in einem dicken Aktenordner übergeben wurde. In der Erklärung zeigen die Schulleiter dem Kultusminister die Überlastung ihrer Schulformen an.

50 Prozent aller Schulleitungen sind dabei

Physisch saß Tonne während der Tagung Eva Helbing, die in Neuenkirchen eine Schule leitet, und Bodo Theel, Schulleiter in Winsen (Aller), gegenüber. Wie Tonne auf das reagiert, was Helbing und Theel ihm vorlegten, wollten allerdings viel mehr Schulleiter wissen: Aus den rund 270 Haupt-, Real- und Oberschulen Niedersachsens hatten sich rund 140 Schulleitungen per Zoom zugeschaltet. Sie alle unterstützen das vorliegende Papier, viele von ihnen haben aktiv daran mitgearbeitet.

Etliche der Forderungen in der Erklärung sind bekannt. Klassengrößen sollen reduziert, mehr Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Förderschullehrkräfte und Personal für beispielsweise IT-Administration eingestellt, alle Lehrkräfte nach A 13 bezahlt werden. Die Liste der Forderung in Stichworten umfasst drei Seiten. Die in Zahlen ausgedrückt 2,2 Milliarden Euro ergeben.

Tonne argumentierte, dass die Schuldenbremse nach wie vor existiere, die Loccumer Erklärung ziele hingegen auf strukturelle Veränderungen ab. Die Summen, die dafür nötig seien, könnten von der Landesregierung nicht finanziert werden.

Bildungs-Soli könnte die Lösung sein

Tonne skizzierte einen anderen Vorschlag: Die Bundesregierung müsse eine Art Bildungs-Soli auflegen und Geld für diese strukturellen Veränderungen vorsehen.

An jener Stelle bekam er Unterstützung von Oberlandeskirchenrätin Dr. Kerstin Gäfgen-Track, in der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen zuständig für Bildungsfragen. „Wir müssen gesellschaftlich klären, was uns Bildung, was uns Kinder wert sind“, sagte sie. In erster Linie – und auch angesichts Corona – gehe sehr viel Geld in die Wirtschaft. „Das müssen wir überdenken.“

Schulleiter loben neue Freiheiten

Helbing und Theel stimmten dem zu und forderten Tonne dennoch auf, sich mit der Loccumer Erklärung auseinanderzusetzen. „Wenn Sie sagen, wir nehmen die Loccumer Erklärung und fangen mal an, sind wir damit schon zufrieden“, wandte sich Theel an den Minister. Unterstützung dabei würden die Schulleitungen gerne anbieten. Denn schließlich hätten sie in den vergangenen Corona-Monaten alle viel gelernt. Nicht zuletzt durch die Freiheiten, die das Ministerium ihnen durch die Eigenverantwortliche Schule gegeben habe, nämlich dass Schulen individuell und nach ihren eigenen Möglichkeiten Entscheidungen treffen durften – weil es die Situation einfach erforderte. „Sie haben uns die Freiheit gegeben und dadurch sind wir ins Denken gekommen“, fasste es Theel zusammen.

So vermischt sich die Loccumer Erklärung mit den aktuellen Aufgaben, die die Pandemie in den Schulen mit sich bringt und die Leitenden in Schulen eine hohe Flexibilität abverlangt. Theel, Helbing und ihre Kollegen hinter den Bildschirmen wünschen sich, dass sie nicht allein gelassen werden, viele strukturelle Veränderungen und auch die Freiheit, viele Dinge eigenständig zu entscheiden.

Eigenständig hatten sie bereits im Februar begonnen zu entscheiden. Damals nahmen sieben Schulleitungen den Prozess im RPI auf, der in der Loccumer Erklärung mündete – weil sie, wie sie erläuterten, der Ansicht waren, dass sämtliche Eingaben, die durch die Lehrerverbände an das Ministerium herangetragen worden waren, keinen Erfolg gebracht hätten.

Also organisierten sie sich selbst. Lediglich als Leitende der Schulen. Was die sieben Schulleiter erarbeitet hatten, gaben sie in den großen Kreis, bekamen den gewünschten Rückhalt und saßen schließlich mit ihrem obersten Dienstherrn zusammen.

Beide Seiten gingen in dem einstündigen Gespräch freundlich und verständnisvoll miteinander um. An der Überlastungsanzeige, die 270 Schulleiter dem Ministerium überreicht haben, ändert aber alles Verständnis nichts. Dort, das erwarten sie, solle mit der Arbeit nun begonnen werden.

Text: RPI Loccum (RPI.loccum@evlka.de, 05766/81136)

RPI-Rektorin PD Dr. Silke Leonhard ist begleitend bei der Schulleitertagung dabei.